Rede von Kreisrat Michael Till zur Finanzierung der Tagespflege im Kreis

Sehr geehrter Herr Landrat,
liebe Kreistagskolleginnen und -kollegen,
sehr geehrte Damen und Herren,

wenn der Kreistag heute dem vorliegenden Antrag zustimmt, macht er den Rhein-Neckar-Kreis damit zum Vorreiter in Sachen Kindertagespflege im ganzen Land.

In keinem anderen Stadt- oder Landkreis in Baden-Württemberg bezahlt ein Jugendamt die Tagesmütter und Tagesväter dann besser.

Wenn man das hört, stellt man sich natürlich sofort die Frage: Warum ist es notwendig, dass wir derart vorauspreschen?

Die Antwort ist ganz einfach: Weil sich auf Landesebene sechs lange Jahre nichts getan hat.

Seit sechs Jahren lautet die Empfehlung der kommunalen Spitzenverbände: 5,50 EUR/Stunde für Kinder unter 3 Jahren und 4,50 EUR/Stunde für Kinder über 3.

Dem Rhein-Neckar-Kreis ist kein Vorwurf zu machen. Er hat sich immer an diese Empfehlung gehalten.

Aber, meine Damen und Herren, Stillstand ist Rückschritt.

Wenn 5,50 EUR/Stunde vor sechs Jahren ausreichend waren, dann reichen sie heute eben nicht mehr, denn alles wird teurer, auch die Kindergartenplätze – nur eben nicht die Bezahlung der Tageseltern. Das kann nicht funktionieren!

Sie alle haben es in den letzten Tagen in der Zeitung gelesen: „Das Einkommen von Tagesmüttern in Baden-Württemberg liegt deutlich unter dem Mindestlohn.“ Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie, die der Landesverband Kindertagespflege in Auftrag gegeben hat.

Wenn man sich diese Studie genauer anschaut, stellt man schnell fest, dass es ganz so dramatisch glücklicherweise doch nicht ist. Kaum eine Tagesmutter betreut nur ein Kind gleichzeitig (im Durchschnitt sind es 3,3) und kaum eine Tagesmutter verlässt sich heute alleine auf die laufende Geldleistung des Jugendamtes.

Meist werden die Eltern zusätzlich zu Kasse gebeten und viele Städte und Gemeinden sind inzwischen eingesprungen und geben den Tageseltern ebenfalls einen Zuschuss. Das sichert die Existenz der Tagesmütter, aber es macht die Kindertagespflege für die Eltern teuer und damit unattraktiv.

All das zeigt deutlich, dass in der Finanzierung der Kindertagespflege etwas im Argen liegt. Deswegen ist es richtig, wenn der Rhein-Neckar-Kreis als einwohnerstärkster Kreis des Landes nun vorausprescht und zeigt: Es geht auch anders!

Unser Vorgehen zeigt bereits Wirkung: Wie man hört, haben sich die Kommunalen Spitzenverbände nun auch darauf geeinigt, bei ihrer nächsten Empfehlung die laufende Geldleistung um einen Euro pro Betreuungsstunde zu erhöhen. Na endlich!

Wir wollen nicht auf diese Empfehlung warten, sondern die Erhöhung des Stundensatzes auf 6,50 EUR heute rückwirkend zum 1. Juli 2018 beschließen. DAS IST DER 1. TEIL DES ANTRAGS.

Aber wir gehen noch deutlich darüber hinaus: Wir beantragen, dass künftig für Kinder jeden Alters der Stundensatz von 6,50 EUR gilt, also für über 3-Jährigen nicht mehr länger schlechter bezahlt wird. DAS IST DER 2. TEIL DES ANTRAGS.

Kinder über drei Jahren sind in der Kindertagespflege oft Randzeitenkinder, die vor oder nach dem Kindergarten betreut werden müssen, weil die Arbeitszeiten der Eltern außerhalb der Kindergarten-Öffnungszeiten liegen.

Wir alle genießen es, dass wir heute bis 21.00 Uhr einkaufen gehen können. Wir alle erwarten, dass Polizei, Ärzte, Pflege und viele andere rund um die Uhr für uns da sind.

Aber dort arbeiten Menschen. Auch Menschen mit Kindern und die meisten Kindertagesstätten und Kindergärten öffnen um 7.00 Uhr und schließen um 17.00 Uhr.

Es sind die Tagesmütter, die den Eltern in dieser Situation helfen können, indem sie das Bringen bzw. Abholen der Kinder aus dem Kindergarten organisieren, um sie dann anschließend für wenige Stunden zu betreuen.

Das ist in den Randzeiten dann tatsächlich oft nur ein Kind gleichzeitig – wir erinnern uns an die Sache mit dem Mindestlohn – und der geringere Stundensatz für die älteren Kinder machte diese Betreuung bisher noch unattraktiver.

Wir möchten nicht, dass Tagesmütter ihr Betreuungsangebot auf Kinder unter drei Jahren und die üblichen Kita-Zeiten begrenzen, denn sie können den Eltern die Flexibilität bieten, die die heutige Arbeitswelt verlangt.

Deswegen wollen wir handeln und für eine finanzielle Gleichstellung der Tagesmütter unabhängig von der Altersgruppe der betreuten Kinder sorgen sowie die Randzeitenbetreuung fördern,

• indem zukünftig für alle betreuten Kinder 6,50 EUR/Stunde ausbezahlt werden
• und indem für die Zeiten, in denen Kindertageseinrichtungen üblicherweise geschlossen sind, also früh morgens, spät abends und am Wochenende sogar 7,50 Euro pro Betreuungsstunde ausbezahlt werden. DAS IST DER 3. TEIL DES ANTRAGS.

DER 4. TEIL DES ANTRAGS betrifft die sogenannte Kindertagespflege in anderen geeigneten Räumen.

Kindertagespflege wird heute nicht mehr nur klassisch im Haushalt einer Tagesmutter durchgeführt.

Möglich ist Tagespflege auch in der Variante, dass sich mehrere Tagesmütter zusammenschließen und geeignete Räumlichkeiten anmieten, in denen sie gemeinsam Kinderbetreuung anbieten.

Seit einigen Jahren gibt es auch Modelle, bei denen ein freier Träger Tagespflegepersonen fest anstellt.

Sobald für die Ausübung von Tagespflege Räumlichkeiten angemietet werden müssen, entstehen Mietkostenverpflichtungen ohne garantierte Einnahmen, also ein wirtschaftliches Risiko.

Um diese Kosten abzufedern bzw. dieses wirtschaftliche Risiko zu minimieren, beantragen wir die Einführung eines Sachkostenzuschlags in Höhe von 1 Euro pro Kind und Betreuungsstunde.

Damit machen wir die Tagespflege in anderen geeigneten Räumen attraktiver und helfen dabei, sie weiter auszubauen.

Unser gemeinsames Ziel ist es, dass der Rhein-Neckar-Kreis in Sachen Familienfreundlichkeit zum Vorreiter in Baden-Württemberg wird und dass sich andere Stadt- und Landkreise sich unserem Vorgehen anschließen.

Bestandteil unseres Antrages ist daher auch eine Bitte an Landrat Stefan Dallinger: „Bitte werben Sie über den Landkreistag und im Kreise ihrer Landratskollegen dafür, dass die anderen Kreise ihre laufende Geldleistung entsprechend erhöhen.“

Ich danke der SPD-Fraktion und der Kreisverwaltung für die gute Zusammenarbeit bei der Ausarbeitung dieses Antrags, Ihnen allen für die Aufmerksamkeit und ich bitte Sie, liebe Kollegen, um Ihre Zustimmung. Vielen Dank.

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